Offener Brief an Karin Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ)
Sehr geehrte Frau Bundesministerin Prien, sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages,
seit 1990 wird die Arbeit des Jugendnetzwerk Lambda e.V. durch Mittel aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes mitfinanziert. Seit 2018 besteht dafür eine Rahmenvereinbarung, welche die finanzielle Grundlage unserer bundesweiten Jugendverbandsarbeit bildet.
Vor wenigen Tagen hat uns die Kündigung dieser Rahmenvereinbarung zum Jahresende erreicht. Diese Nachricht kam für uns völlig überraschend. Die Sachberichte der vergangenen Jahre wurden ohne Beanstandungen geprüft. Unsere Arbeit wurde immer wieder fachlich anerkannt und gelobt.
Durch diese Entscheidung des Ministeriums steht unsere Jugendverbandsarbeit zum Ende des Jahres vor dem Aus.
Gegründet wurde unser Verband 1990 in Ost-Berlin von engagierten Jugendlichen, die an den Runden Tischen der Jugend selbst mitsprechen wollten. Dieser Anspruch trägt uns bis heute: Bei Lambda können junge LSBTIQ* selbst sprechen, sich organisieren, Verantwortung übernehmen und ihre Lebensrealitäten in Politik und Gesellschaft einbringen.
Unsere Arbeit umfasst unter anderem bundesweite Fach- und Peer-Beratung, Bildungs- und Empowerment-Veranstaltungen vor Ort und digital, (internationale) Jugendbegegnungen, politische Interessenvertretung und die Begleitung und Qualifizierung von Ehrenamtlichen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Entwicklung neuer Angebotsformate für Jugendliche, die bisher kaum oder keinen Zugang zu Angeboten für junge LSBTIQ* haben.
Unsere Arbeit wächst, weil der Bedarf wächst. Durch die Streichung unserer Fördergelder werden junge LSBTIQ* bundesweit Zugang zu unseren Angeboten verlieren.
Unsere Beratungsanfragen steigen immer weiter an, ebenso die Zahl an Jugendlichen, die sich mit Krisenthemen wie Suizid, selbstverletzendem Verhalten oder Gewalt in der Familie an uns wenden. Für queere Jugendliche ohne Vor-Ort-Angebote bauen wir derzeit ein ortsunabhängiges digitales Jugendzentrum auf. Bereits über 1.000 junge LSBTIQ* sind registriert und testen das Angebot mit uns. Auch unsere Bildungs- und Empowerment-Veranstaltungen bauen wir stetig aus, um noch mehr inhaltliche Themen abzudecken und mehr junge LSBTIQ* zu erreichen.
Einsamkeit unter jungen LSBTIQ* nimmt aktuell zu, besonders in ländlichen und strukturschwachen Regionen, in denen es keine dauerhaften Angebote vor Ort gibt. Mehr junge LSBTIQ* mit psychischen Krisen, Diskriminierungserfahrungen, familiären Konflikten oder Angst vor einem Coming-out werden durch die Streichung der Fördergelder allein bleiben. Gerade dort, wo es keine verständnisvollen Ansprechpersonen im direkten Umfeld gibt, sind niedrigschwellige Beratungs- und Unterstützungsangebote oft der erste Schritt aus der Isolation. Wenn diese Strukturen gestrichen werden, trifft das diejenigen, die ohnehin schon zu wenig Unterstützung erfahren.
Lambda ist ein Ort, an dem junge LSBTIQ* selbst aktiv werden, Verantwortung übernehmen und Angebote mitgestalten. Auch diese Möglichkeit für Selbstwirksamkeit, Empowerment und zivilgesellschaftliches Engagement wird jungen LSBTIQ* durch die Streichung unserer Förderung genommen.
Hinter unserer Arbeit stehen hauptamtliche Fachkräfte, die Ehrenamtliche begleiten, Beratung absichern, Veranstaltungen ermöglichen und politische Prozesse vorbereiten, denn Ehrenamt braucht Hauptamt. Mit der Streichung der Rahmenvereinbarung fällt die finanzielle Grundlage dieser Stellen weg. Damit gehen aufgebaute Strukturen und Fachexpertise aus 36 Jahren Jugendverbandsarbeit verloren.
Diese Kürzung sendet ein fatales Zeichen: Queere Jugendverbandsarbeit ist nicht unterstützenswert und gewünscht.
Gleichzeitig wird derzeit mit der Auslobung des Gemeinsamkeitspreises, dessen Schirmherrin Sie, Frau Bundesministerin, sind, darauf hingewiesen, dass queere Menschen „aufgrund besonderer sozialer, gesundheitlicher, ökonomischer oder räumlicher Zugangsbarrieren ein erhöhtes Risiko für Einsamkeit aufweisen“. Für uns ist nicht nachvollziehbar, wie die Entscheidung unserer Kündigung zustande gekommen ist.
In einer Zeit, in der queerfeindliche Diskurse lauter werden – auch in politischen Debatten –, sendet die vollständige Streichung unserer Rahmenförderung ein alarmierendes Signal. Sie sagt jungen LSBTIQ*: Eure Räume sind nicht verlässlich abgesichert. Eure Beratung, eure Beteiligung, eure Selbstorganisation stehen zur Disposition. Eure bundesweite Stimme kann euch jederzeit genommen werden.
Jugendverbände sind Regelstrukturen der Kinder- und Jugendhilfe. Sie ermöglichen demokratische Selbstorganisation, Freizeit-, Bildungs- und Beteiligungsangebote für Millionen junge Menschen und schaffen Räume für Halt, Orientierung und demokratische Mitgestaltung. Die Förderung der Jugendverbände auf Bundesebene ist eine gesetzliche Pflichtaufgabe und stärkt die Bundeszentrale Infrastruktur für junge Menschen. Die Kündigung der Rahmenvereinbarung ist in Zeiten, in denen Jugendverbände vor besonderen Herausforderungen und Bedrohungslagen stehen, eine politische Entscheidung mit Strahlkraft weit über Lambda hinaus.
Wir suchen mit Nachdruck nach alternativen Fördermöglichkeiten, um zumindest Teile unserer Arbeit zu erhalten. Auch mit dem Bundesministerium befinden wir uns in Gesprächen zu möglichen alternativen Förderungen.
Gleichzeitig ist klar: Alternative Projektförderungen können eine Rahmenvereinbarung nicht ersetzen.
Die Entscheidung des Bundesministeriums, unsere Rahmenvereinbarung zu kündigen, hat massive Konsequenzen für junge LSBTIQ* in ganz Deutschland. Wir werden gezwungen, unsere Tür Ende des Jahres zu schließen. Und damit genau die Jugendlichen alleine zu lassen, die besonders stark von Einsamkeit, psychischen Belastungen und Diskriminierung betroffen sind. Jugendliche, für die unsere Angebote überlebenswichtig sein können.
Wir fordern Sie, Frau Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf, die Kündigung der Rahmenvereinbarung zurückzunehmen.
Wir fordern die Abgeordneten des Deutschen Bundestages auf, sich dafür einzusetzen, dass unsere bundesweite queere Jugendverbandsarbeit weiterhin verlässlich finanziert wird.
Der Bundesvorstand des Jugendnetzwerk Lambda e.V.
Unterstützende Organisationen
Die folgenden Organisationen unterstützen diesen Offenen Brief des Jugendnetzwerk Lambda e.V. Sie bekräftigen die Bedeutung der bundesweiten queeren Jugendverbandsarbeit und unterstützen die Forderung, die Arbeit des Jugendnetzwerk Lambda e.V. weiterhin finanziell abzusichern.
Bundesweite Verbände und Organisationen
Amnesty International Deutschland e.V.
Arbeiter-Samariter-Jugend Deutschland
Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V. (aej)
AWO Bundesverband e.V.
BAG Offene Kinder- und Jugendarbeit e.V.
BDP Bundesverband
Bund der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland e.V. (BDAJ)
Bund der deutschen katholischen Jugend
Bund der Deutschen Landjugend e.V.
Bundesarbeitsgemeinschaft Mädchen*politik e.V.
Bundesjugendwerk der AWO e.V.
Bundesverband der Katholischen jungen Gemeinde
Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V.
CSD Deutschland e.V.
Dachverband Lesben und Alter e.V.
Der Paritätische Wohlfahrtsverband – Gesamtverband e.V. (Der Paritätische)
Deutsche Bläserjugend
Deutsche Chorjugend e.V.
Deutsche Esperanto-Jugend e.V.
Deutsche Gehörlosen-Jugend e.V.
Deutsche Schreberjugend Bundesverband e.V.
Deutsche Schwimmjugend im DSV e.V.
Deutsche Trachtenjugend im Deutschen Trachtenverband e.V.
Deutsche Wanderjugend
Deutscher Bundesjugendring e.V.
Deutscher Pfadfinder*innenverband e.V.
DGB-Jugend
djo – Deutsche Jugend in Europa Bundesverband e.V.
DLRG-Jugend
Frauennetzwerk für Frieden e. V.
Gesellschaft für Sexualpädagogik e.V.
GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft)
Helmut Metzner, Geschäftsführender Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld
Jüdische Studierendenunion Deutschland (JSUD)
Jugend des Deutschen Alpenvereins (JDAV)
Jugend im Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
Junge Europäische Föderalist:innen Deutschland e.V.
Junger DBSH – Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V.
Katholische junge Gemeinde
Katholische Landjugendbewegung Deutschlands (KLJB) e.V.
LSVD⁺ – Verband Queere Vielfalt e.V.
NAJU (Naturschutzjugend im NABU)
National Coalition Deutschland – Netzwerk zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention e.V.
Naturfreundejugend Deutschlands
pro familia Bundesverband
Queere Bildung e.V.
Queeres Netzwerk – Bundesverband queerer Landesnetzwerke e.V.
Ring deutscher Pfadfinder*innenverbände e.V. (rdp)
SJD – Die Falken
Solidaritätsjugend Deutschlands
THW-Jugend e.V.
ver.di Jugend
Weitere Organisationen und Initiativen
ABqueer e.V.
AHF – AIDS-Hilfe Frankfurt e.V.
Aidshilfe Neumünster e.V. -Fachstelle für sexuelle Gesundheit-
AK QUEER WOHNEN
Akademie Waldschlösschen – Stiftung Rainer Marbach und Ulli Klaum
AktivistA n.e.V. – Verein zur Sichtbarmachung des asexuellen Spektrums
Amnesty International Freiburg
Andersraum e.V.
anyway e.V. – LSBTIQ*-Jugendeinrichtung
Arbeitsgemeinschaft der Großstadtjugendringe
Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten Baden-Württemberg e.V.
Autonomes Queer-Referat Uni Frankfurt
Bayerischer Jugendring
BBZ lebensart e.V., Fachzentrum für geschlechtlich-sexuelle Identität
Beratungsstelle Geschlechtliche Vielfalt e.V.
Berlin Global Village
BIG – Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen e.V.
Bremer Jugendring – Landesarbeitsgemeinschaft Bremer Jugendverbände e.V.
BUNDjugend Bayern
Bunter Ort Wuppertal
Burgjugend des Weissenburg e.V.
Careleaver e.V.
Checkpoint Queer e.V.
CSD Emmendingen e.V.
CSD Offenbach e.V.
DéjàWü e.V.
Demokratie & Dialog e.V.
Demokratische Schule FLeKS Hamburg
DGB Jugend Bremen
DGB-Jugend Region SüdOstNiedersachsen
Didaktik der Geschichte FU Berlin
different people e.V.
Diözesanstelle der Katholischen Jungen Gemeinde im Erzbistum Köln e.V.
Evangelische Frauen in Mitteldeutschland
Fachstelle Queere Jugend NRW
FLUSS e.V. Freiburg
Forschungsprojekt „LSBTIQ* Bewegungen und Demokratie: Geschichte, Gegenwart und Zukunft“, Freie Universität Berlin
Frankfurter Jugendring e.V.
FVAJ e.V.
großstadtKINDER e.V. Leipzig – Kinder und Jugendtheater „Theatrium“
Gruppe beherzt – für Demokratie und Vielfalt e.V.
HAKI e.V.
Havel der Vielfalt
HochDrei – Bilden und Begegnen in Brandenburg e.V.
IF Urban Sports e.V.
ilse* Karlsruhe (Initiative Regenbogenfamilien)
Initiative Awareness e.V.
Institut für Angewandte Sexualwissenschaft der Hochschule Merseburg
Institut für Theorie und Empirie des Sozialen (ITES) – Werkstatt für sozialpädagogisches Denken
Jugendinitiative bei Fliederlich e.V.
Jugendnetzwerk Lambda Baden-Württemberg e.V.
Jugendnetzwerk Lambda Berlin-Brandenburg e.V.
Jugendnetzwerk Lambda Mitteldeutschland e.V.
Jugendnetzwerk Lambda Mitte-West e.V.
Jugendrat der Kindernothilfe
Jugendring Düsseldorf
Jugendtreff „Loud&Proud“
Justboys.at – Verein zur Förderung und Vernetzung queerer Jugendlicher und junger Erwachsener
Kasseler Jugendring e.V.
Kinder- und Jugendring Sachsen e.V.
Kinder- und Jugendring Sachsen-Anhalt e.V.
Knutschfleck e.V.
Kreisjugendring Dachau
KuKMA (Kontakt- und Koordinierungsstelle für Mädchen*arbeit in Brandenburg)
Kunterbunt Amberg e.V.
LAG Mädchen*politik Baden-Württemberg e.V.
LAG Queeres Netzwerk Sachsen e.V.
Landesarbeitsgemeinschaft Arbeit und Leben Mecklenburg-Vorpommern e.V.
Landesarbeitsgemeinschaft Mädchen* und junge Frauen* in der Jugendhilfe Schleswig-Holstein (LAG Mädchen*)
Landesjugendring Baden-Württemberg e.V.
Landesjugendring Berlin e.V.
Landesjugendring Brandenburg e.V.
Landesjugendring Hamburg e.V.
Landesjugendring Mecklenburg-Vorpommern e.V.
Landesjugendring Niedersachsen e.V.
Landesjugendring NRW e.V.
Landesjugendring Rheinland-Pfalz e.V.
Landesjugendring Schleswig-Holstein e.V.
Landesjugendring Thüringen e.V.
Landeskonferenz Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte an Berliner Hochschulen (LakoF Berlin)
Lesben Leben Familie (LesLeFam) e.V.
LesbenRing e.V.
LiGS- Lesben in Goslar, lesbischer Stammtisch
lila_bunt – Feministische Bildung, Praxis und Utopie e.V.
LSBT*IQ-Netzwerkstelle Südhessen
LSBTIQ*-Landeskoordinierungsstelle Sachsen-Anhalt Süd
LSVD Verband Queere Vielfalt Berlin-Brandenburg e.V.
Mädchenhaus Bremen gGmbH
medialepfade.org – Verein für Medienbildung e.V.
MediNetz Aachen e.V.
Medinetz Halle Saale e.V.
MediNetz Jena e.V.
MeeTIN* Up Kassel
mhc – Magnus-Hirschfeld-Centrum Hamburg
MinaS – Selbstvertretung für Menschen im nichtbinären und agender Spektrum
Naturfreundejugend Braunschweig
OMAS GEGEN RECHTS Lübeck
OMAS GEGEN RECHTS Schwäbisch Hall
Physical Theatre Netzwerk e.V.
Pling-Kollektiv gUG
PLUS Rhein-Neckar e.V.
Pride Memmingen e.V.
pro familia Hessen e.V.
pro familia Karlsruhe e.V.
pro familia Landesverband Schleswig-Holstein e.V.
PROUT AT WORK-Foundation
qu:alle – Die queere Jugendfreizeiteinrichtung in Spandau
qu:nnect Charlottenburg-Wilmersdorf
Queer am See e.V.
Queer Lexikon e.V.
Queere Fachstelle vielfältig BUNT
Queere Jugend Berlin
Queeres Göttingen e.V.
Queeres Netzwerk Baden-Württemberg
Queeres Netzwerk NRW
QUEERHOME
queerKAstle e.V. – Karlsruher Zentrum für queere Vielfalt
Queermentor
Queerreferat der ASH Berlin
QueerScope – Verband der unabhängigen queeren Filmfestivals in Deutschland e.V.
QueerTausch
QUEST – Queeres Stade e.V.
Rosa Hilfe Würzburg
RosaLinde Leipzig e.V.
SCHLAU Göttingen
SCHLAU Köln
SCHLAU NRW
Schwulenberatung Berlin gGmbH
Schwulenzentrum (SchwuZ) e.V.
Seitenwechsel – Sportverein für FrauenLesbenTransInter und Mädchen e.V.
socianos Kinder- und Jugendhilfe Berlin
STADT WUPPERTAL Stabsstelle Gleichstellung und Antidiskriminierung
Stadtjugendring Göttingen e.V.
Stadtjugendring Potsdam e.V.
Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße
stuhlkreis_revolte – freiberufliches Netzwerk für Moderation und emanzipatorische Bildung
TIM (trans* und inter* Menschen in Mecklenburg) e. V.
TransInterQueer e.V.
Tritta* – Verein für feministische Jugendarbeit e.V.
Uferlos Sportverein Karlsruhe e.V.
ver.di Bezirk München & Region | Personengruppe Queer
vielbunt e.V.
Volley-Vous Freiburg e.V.
Young and Queer Ulm e.V.
ZeSIA – Zentrum für sexuelle Gesundheit, Identität und Aufklärung Karlsruhe
Zwischenfunken e.V.
