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27. Juli 2017
Zwischen hohem Engagement und geringer Anerkennung

Die djo – Deutsche Jugend in Europa ist ein Jugendverband der Vielfalt, der in ganz Deutschland insbesondere Selbstorganisationen junger Zuwanderer_innen, Geflüchteter und Spätaussiedler_innen vertritt. Themenschwerpunkte der Arbeit sind Internationaler Jugendaustausch, Kulturelle Jugendbildung und Integrationsarbeit. Die djo – Deutsche Jugend in Europa möchte allen in Deutschland lebenden jungen Menschen eine Stimme geben und sie darin bestärken, die Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Dazu fördert der Verband ihre politische, soziale und kulturelle Teilhabe. Die djo Die Motive von Jugendlichen sich MJSO anzuschließen sind sehr unterschiedlich. Sie haben viel mit den persönlichen Hintergründen und der individuellen (familiären) Zuwanderungsgeschichte, aber auch mit ihren persönlichen Interessenslagen zu tun. Kinder und Jugendliche, die erst kürzlich nach Deutschland gekommen sind, suchen sehr stark nach Orientierung. Sie erhoffen sich Hilfe bei der Lösung von alltäglichen Problemen in der für sie noch fremden Umwelt. Kinder und Jugendliche, die bereits länger in Deutschland sind, suchen nach einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung. Dafür kommen auch die Angebote der traditionellen Jugendverbände oder andere Jugendverbände in Frage. Für diejenigen Jugendlichen, die bereits in Deutschland geboren wurden und in MJSO aktiv werden, geht es um einen Teil ihrer Identität, die sie bewahren wollen. Viele möchten sich für Menschen engagieren, die einen gleichen oder ähnlichen Hintergrund haben.

Noch vor wenigen Jahren sahen sich Migrant_innenorganisationen bezüglich ihrer zivilgesellschaftlichen Funktion einem hohen Rechtfertigungsdruck seitens der Mehrheitsgesellschaft gegenüber. Inzwischen hat sich der Diskurs verschoben, der wichtige gesellschaftliche Beitrag wird anerkannt. MJSO werden inzwischen zwar immer noch als neuer, jedoch durchaus selbstverständlicher Teil der Jugendverbandslandschaft wahrgenommen.

Mit der politischen Anerkennung und zunehmenden Sichtbarkeit von MJSO ist allerdings auch eine gesteigerte Erwartungshaltung den Organisationen gegenüber verbunden. Von ihnen wird ein entscheidender Beitrag zur Teilhabe junger Menschen in Deutschland erwartet. Dabei wird häufig übersehen, dass MJSO sehr stark ehrenamtlich geprägt sind und im Gegensatz zu etablierten Trägern mit längerfristigen Förderstrukturen nahezu ausnahmslos auf Projektförderungen angewiesen sind. Angebote zur Mitarbeit in den Strukturen der jugendpolitischen Interessensvertretung sind darauf nicht ausgelegt, Tagungen finden in der Woche statt und viele jugendpolitische Partizipationsmöglichkeiten setzen eine Verwaltungsstruktur und einen Professionalisierungsgrad voraus, die in dieser Form noch nicht aufgebaut werden konnten. Dies führt dazu, dass erfolgreiche MJSO immer am Rande der Überforderung ihres ehrenamtlichen und hauptamtlichen Personals arbeiten. Die finanziell wie strukturell benachteiligten neuen Jugendorganisationen müssen den Wettbewerbsvorteil der etablierten Jugendverbände durch ein erhöhtes Maß an Eigenengagement ausgleichen.

Langfristige Förderungen schaffen

Das erste Förderinstrument auf Bundesebene entwickelte sich im Nachgang zu dem Projekt „Jugend 2014 – Migrantenjugendorganisationen als Akteure der Zivilgesellschaft“ der djo-Deutsche Jugend in Europa. Seit 2015 erhalten erstmals fünf MJSO über den Kinder- und Jugendplan des Bundes eine strukturelle Förderung ihrer Arbeit. Im Rahmen des Projektes arbeiteten die MJSO, der Deutsche Bundesjugendring (DBJR), das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eng miteinander zusammen, um eine jugendpolitische Bewertung vorzunehmen und strukturelle Hindernisse auszuräumen. Derzeit gibt es ähnlich gestaltete Modellprojekte, z.B. in Bayern und Berlin, in deren Rahmen ebenfalls Lösungen zur Förderung von MJSO gesucht werden. Denn trotz des hohen Engagements der neuen Jugendverbände erfüllen deren Strukturen häufig noch nicht die Kriterien für eine Förderung auf Landes- oder Bundesebene. Die Hürden sind teilweise so groß, dass sie allein durch ehrenamtliches Engagement nicht genommen werden können.

Daher wird vermehrt auf eine Anschubfinanzierung zurückgegriffen, um die Verbände mittelfristig in die Lage zu versetzen, aus eigenen Kräften eine Förderung zu beantragen. Eine große Schwierigkeit stellen vor allem die großen Unterschiede der Förderstrukturen in den einzelnen Ländern dar, wodurch immer wieder landesspezifische Lösungen zur Interkulturellen Öffnung der Jugendverbandsstrukturen gefunden werden müssen. Damit ist und bleibt die strukturelle und politische Teilhabe im Fördersystem der verbandlichen Jugendarbeit auch weiterhin eine der zentralen jugendpolitischen Anliegen der MJSO und Gradmesser für eine gelungene interkulturelle Öffnung der bestehenden Strukturen.

Robert Werner
Bundesgeschäftsführer djo – Deutsche Jugend in Europa
(überarbeitete und gekürzte Fassung aus der Broschüre „EinSatz für Migrant_innenjugendselbstorganisationen“ 2017)

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