60er-/70er-Jahre Wandel der Aufgaben

Die Gründungsmitglieder der DJO entwuchsen im Laufe der Zeit dem Jugendalter, eine neue Generation von Kindern und Jugendlichen trat in die Gruppen des Verbandes ein. Nicht mehr nur Kulturpflege, sondern auch eine neue verbandsinterne Kultur standen im Fokus. Die neue Generation hatte nunmehr keine persönlichen Erinnerungen an die Heimat ihrer Familien, entweder weil sie bei der Flucht noch zu jung oder sogar schon in Westdeutschland oder in der DDR geboren waren bzw. einige in der DDR geboren wurden und nach Westdeutschland flohen. Sie wurden in der Bundesrepublik sozialisiert und entwickelten daher andere Ansprüche an ihren Verband. Nicht mehr die Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen und die Integration in die westdeutsche Gesellschaft waren das dringendste Anliegen der Verbandsmitglieder, sondern die Positionierung der eigenen Gruppen in einer neuen europäischen Realität.

Jubelnde DJOler_innen schwenken ihre Fahnen

 Die Beschäftigung mit der Vergangenheit der eigenen Familien und Landsmannschaften schloss auch die kritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ein. Im Verlauf der 1960er und 1970er Jahre stießen also verschiedene Meinungen bezüglich der ehemaligen Siedlungsgebiete aufeinander, was auch zu konträren Ansichten über die Staaten im Osten Europas führte.

Dieser Perspektivwechsel in der Betrachtung der eigenen Vergangenheit und dem Status der ehemaligen Siedlungsgebiete war kein DJO-internes Phänomen. Die gesamte bundesrepublikanische Gesellschaft führte diese Diskussion, und die Wahl einer sozialliberalen Regierung mit Willy Brandt als Bundeskanzler gab diesem gesamtgesellschaftlichen Wandel Ausdruck. Als die Bundesrepublik im Rahmen der „Neuen Ostpolitik“ gleichberechtigte Gespräche mit der DDR und den Staaten des Ostblocks aufnahm und die Oder-Neiße-Linie faktisch als Westgrenze Polens anerkannte, berührte dies unmittelbar die Interessen der Vertriebenen.

Das Festhalten der DJO an den Ansprüchen auf die Wiedererlangung der ehemaligen deutschen Staatsgebiete wurde seitens des DBJR als Ignoranz hinsichtlich der Zusammenhänge von deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg und den daraus resultierenden Folgen gesehen. Zweimal wurden Anfang der 1970er Jahre Ausschlussverfahren gegen die DJO angestrebt. Mitglieder der DJO waren unter anderem im Mai 1970 beteiligt, als während eines Staatsbesuches des DDR-Ministerpräsidenten in Kassel eine DDR-Staatsfahne geschändet wurde, was in der innerverbandlichen Auseinandersetzung mit der DJO auch als Beleg für die revanchistische Gesinnung der DJO gesehen wurde.

Jubelnde DJOler_innen schwenken ihre Fahnen

Die veränderte gesellschaftspolitische Lage in der Bundesrepublik brachte auch die DJO in ein Spannungsverhältnis und löste eine Identitätskrise aus, die ihren Ausdruck einerseits in einem Reformkurs innerhalb des Verbandes fand, andererseits aber auch bei Einzelgruppen zu einer Radikalisierung und zu einem „Rechtsruck“ führte. 1974 setzten sich dann die Unterstützer_innen einer Reform der DJO durch – befördert durch den öffentlichen Druck aber nicht zuletzt auch durch Veränderungswillen aus den eigenen Reihen.

Zurück